| Systematik
cannabisassoziierter Psychosen
Psychotische
Reaktionen in der Folge von Cannabiskonsum werden gern als Cannabis-Psychose
- auch Haschisch-, Marihuana- oder Bhang-Psychose - bezeichnet.
Ghodse (1986) versteht unter einer Cannabis-Psychose eine "psychotische
Erkrankung, die nach Konsum einer großen Cannabismenge auftritt."
Der Begriff wird von verschiedenen Autoren für unterschiedliche
Zustände verwendet, die für verschiedene psychiatrische
Diagnosen stehen können. Einige Autoren plädieren daher
dafür, den Begriff nicht mehr zu benutzen und sich an die
übliche Nomenklatur psychiatrischer Diagnosen zu halten,
etwa nach dem ICD-9 oder DSM-III (Thornicroft 1990, McGuire 1994).
Der Terminus "Cannabis-Psychose" könne eine Schizophrenie
verdecken, während umgekehrt das Nichtwissen um einen Cannabiskonsum
beim Vorliegen einer entsprechenden psychotischen Symptomatik
fälschlich zur Diagnose Schizophrenie führen könne
(Mathers 1992).
Bei der Betrachtung
cannabisassoziierter Psychosen erscheinen insbesondere drei Aspekte
von Bedeutung.
Es ist zwischen
toxischen Psychosen (organische Psychosen) und funktionellen Psychosen
(z. B. schizophrene Psychose) zu unterscheiden.
Das Auftreten psychotischer Symptome, z. B. paranoide Denkinhalte
oder Halluzinationen, ist vom Syndrom der Psychose zu unterscheiden.
Die Rolle von Cannabis ist zu präzisieren: Ging der Cannabiskonsum
der Psychose oder diese dem Konsum voraus? Liegt eine Psychose
vor, bei der (auch) Cannabis konsumiert wird, oder eine Psychose,
die durch Cannabis unterhalten wird?
Folgende Mechanismen einer Entstehung von Psychosen durch einen
Cannabiskonsum werden von verschiedenen Autoren vorgeschlagen:
Cannabis könne
eine toxische (bzw. organische) Psychose verursachen, welche vollständig
nach dem Absetzen der Droge verschwindet.
Chronischer Cannabiskonsum könne eine chronische organische
Psychose verursachen, die auch nach Beendigung der Intoxikation
persistiert.
Cannabis könne eine akute funktionelle Psychose hervorrufen,
die mit Cannabis-Abstinenz verschwindet.
Cannabis könne bei entsprechend prädisponierten Personen
eine funktionelle Psychose, vor allem eine schizophrene Psychose
auslösen, die nach Drogenabstinenz persistiert.
Cannabis könne bei einer vorliegenden schizophrenen Psychose
Rezidive auslösen und den Krankheitsverlauf ungünstig
beeinflussen.
2.1 Organische Psychosen
In der Folge
einer akuten Cannabis-Intoxikation kann sich eine toxische Psychose
entwickeln (Ghodse 1986). Die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens
ist dosisabhängig, wie bereits Moreau de Tours (1848) berichtete:
"... akute psychotische Reaktionen, im allgemeinen wenige
Stunden andauernd, gelegentlich auch eine Woche; die Reaktion
erschien dosisabhängig (...) Delirium, Desorientierung und
stark eingetrübtes Bewußtsein können auftreten"
(zit. n. Mathers 1992). Die Dosen liegen im allgemeinen deutlich
über denen, die zur Erzielung eines euphorisierenden Effektes
notwendig sind. Allerdings können auch vergleichsweise niedrige
Dosen ähnliche Effekte im Sinne einer ideosynkratischen Reaktion
hervorrufen (Thomas 1993). Die Psychopathologie der Reaktionen
ist nicht von anderen akuten toxischen Verwirrheitszuständen
zu unterscheiden. Sie sind selbstlimitierend, können jedoch
bei wiederholter Exposition erneut auftreten (Chopra 1974).
Bei den meisten
in der Literatur benannten "Cannabispsychosen" handelt
es sich offenbar um akute organische Psychosen, die mit oder ohne
Medikation nach wenigen Stunden bis Tagen verschwinden (Hall 1994).
Ghodse (1986)
schlägt die Möglichkeit vor, daß starke chronische
Konsumenten wiederholte kurze Episoden toxisch psychotischer Zustände
erleben und sich schließlich "in einem chronischen
psychotischen Zustand halten". Es existieren jedoch keine
zuverlässigen Hinweise für diese Möglichkeit einer
Chronifizierung.
Einige Autoren
interpretieren einen Zustand von fehlendem Arbeitswillen, Motivationsverlust
und Apathie als Residuum eines cannabisinduzierten organischen
Psychosyndroms. Dieser Zustand wurde Ende der sechziger Jahre
mit dem Terminus "amotivationales Syndrom" (Smith 1968)
belegt. Unterstützung erhält diese These durch Kasuistiken
und Berichte von ehemaligen Konsumenten, die einen solchen Zustand
als Grund für die Beendigung ihres Konsums angaben (Jones
1984). Klinische Studien führten zu widersprüchlichen
Ergebnissen, so daß die Existenz eines cannabisinduzierten
Amotivationssyndroms heute als ungeklärt gilt. Der Zustand
ist sicherlich eher selten. Persönlichkeit und Beikonsum
anderer Drogen machen es zudem schwierig, ein amotivationales
Syndrom per se auf Cannabis zurückzuführen (Nicholi
1983, Hollister 1988). Wert und Raulin (1986) fassen in ihrer
Übersicht zusammen: "Befunde von amerikanischen und
kreuzkulturellen Studien legen nahe, daß Cannabis keine
chronische zerebrale Beeinträchtigung verursacht, wenn auch
eine leichte Beeinträchtigung nicht ausgeschlossen werden
kann."
2.2 Funktionelle
Psychosen
Neben toxischen
Psychosen wird auch von akuten funktionellen psychotischen Reaktionen
berichtet. Damit ist ein Zustand gemeint, der nicht einen organischen,
auf der Intoxikation durch die Droge beruhenden Zustand reflektiert,
sondern eine psychotische Erkrankung, die einer Schizophrenie
ähnelt. Funktionelle cannabisinduzierte Psychosen seien durch
einen schnellen Beginn charakterisiert und offenbar ebenfalls
im allgemeinen selbstlimitierend (Thomas 1993).
Thacore und
Shukla (1976) verglichen 25 Fälle von "Cannabis-Psychose
des paranoiden Typs" mit 25 paranoid schizophrenen Patienten.
Sie berichteten wie andere Untersucher von erheblichen Unterschieden
in der klinischen Symptomatik (häufigere Panikreaktionen,
größere Erregtheit und Hypomanie, weniger Denkstörungen
etc.). Erstere besaßen danach im Gegensatz zu den schizophrenen
Patienten "etwas Einsicht in die Natur ihrer Erkrankung."
Sechs der Cannabiskonsumenten wiesen ein eingetrübtes Bewußtsein
auf, was eher auf eine akute toxische Psychose schließen
läßt.
Rottanburg
et al. (1982) verglichen 20 neuaufgenommene psychotische Patienten
mit hohen Cannabinoid-Konzentrationen im Urin, von denen die Mehrheit
die Kriterien einer funktionellen Psychose (10 schizophren-psychotisch
und 6 manisch-depressiv psychotisch) aufwiesen, mit 20 psychotischen
Kontrollen ohne Cannabinoid-Nachweis. Im Vergleich zu den Kontrollen
wiesen die Fälle ein mehr hypomanisches und agitiertes Verhalten
auf, weniger zusammenhangloses Sprechen und weniger auditive Halluzinationen.
Im Gegensatz zu den Kontrollen verschwanden die Symptome innerhalb
einer Woche.
Mathers und
Ghodse (1992) berichteten von 61 Patienten mit psychotischen Symptomen
und cannabispositivem Urin und 43 Kontrollen ohne Cannabinoid-Nachweis.
Auch sie fanden bei den cannabisinduzierten Psychosen mit klarem
Bewußtsein keine chronischen Verläufe. Sie schließen
zudem aus ihren Beobachtungen, daß psychotische Reaktionen
nach Cannabiskonsum eher bei Patienten mit psychiatrischer Vorgeschichte
als bei psychisch stabilen Menschen auftreten.
In der Literatur
wird von wenigen weiteren Studien mit jeweils wenigen Patienten
berichtet, die eine psychotische Symptomatik ohne Bewußtseinseintrübung
aufwiesen. Mit Ausnahme der von Rottanburg et al. (1982) sind
jedoch keine standardsierten diagnostischen Kriterien angelegt
und nur selten Kontrollkollektive verwendet worden (Thornicroft
1990).
Befunde, nach
denen Cannabis eine funktionelle Psychose auslösen könne,
sind nach Meinung der Autoren einer australischen Regierungsstudie
"weniger zwingend" als die der Verursachung toxischer
Psychosen (Hall 1994).
Sie diskutieren
jedoch eine bemerkenswerte Untersuchung von Tsuang et al. (1982),
in der demographische und klinische Charakteristika sowie die
Familiengeschichten von vier Kollektiven analysiert wurden: Patienten
mit Drogenanamnese - häufig Cannabis und Halluzinogene -
und psychotischer Erkrankung (DAP), Drogenabhängige, Schizophrene
und Patienten mit atypischer Schizophrenie. Die DAP-Gruppe wurde
in Subkollektive mit kurzer und langer Symptomdauer unterteilt.
Beim Vergleich
der DAP-Subkollektive mit kurzer und langer Symptomdauer fiel
folgendes auf: DAP-Patienten mit langer Symptomdauer wiesen eine
ähnliche Familienanamnese auf wie schizophrene Patienten,
während sich bei DAP-Patienten mit kurzer Symptomdauer nicht
solche Anamnesen fanden. DAP-Patienten mit kurzer Symptomdauer
wiesen weniger schizophreniforme Symptome auf und häufiger
Symptome, die bei organischen Psychosyndromen gefunden werden.
Tsuang und Kollegen argumentierten daher, daß kurzdauernde
Krankheitsepisoden drogeninduzierte toxische Psychosen darstellten
und längerfristige Störungen funktionelle Psychosen,
deren Auftreten bei entsprechend prädisponierten Personen
durch den Drogenkonsum beschleunigt worden sei.
3 Schizophrenie
Cannabisverwendung
wird verdächtigt, sowohl das Auftreten einer Schizophrenie
bei entsprechend prädisponierten Personen zu beschleunigen
als auch den Verlauf der Erkrankung ungünstig zu beeinflussen,
vor allem durch eine Provokation von Rezidiven und eine Beeinträchtigung
der Wirkung der eingesetzten Medikation.
3.1 Beschleunigung
einer Schizophrenie
Die Vulnerabilitätstheorie
besagt, daß eine Person eine Prädisposition für
die Entwicklung einer Schizophrenie aufweise, die Erkrankung aber
erst dann ausbreche, wenn sie durch einen Stressor getriggert
wird. Cannabiskonsum könnte ein solcher Stressor sein. Die
Beschleunigung einer latenten schizophrenen Psychose könnte
in diesem Fall entweder durch eine pharmakologische Wirkung des
THC, etwa durch eine Dysregulation des zentralnervösen Cannabinoid-/Anandamid-Systems,
ausgelöst werden oder durch streßvolle Erfahrungen
während der Intoxikation, wie Panikattacken oder paranoide
Erlebnisse.
Üblicherweise
wird bei Schizophrenen eine erhöhte Prävalenz eines
Konsums von psychomimetischen und stimulierenden Drogen gefunden,
darunter Cannabis, Amphetamine, Kokain, Halluzinogene, Kaffee
und Nikotin (Schneier 1987). In früheren Jahren wurde überwiegend
eine ursächliche Beziehung zwischen Cannabiskonsum und dem
Auftreten einer Schizophrenie als Erklärung für die
erhöhte Prävalenz eines Cannabiskonsums angenommen.
Bei vulnerablen Personen, die aber sonst keine Schizophrenie entwickelt
hätten, wäre nach Cannabiskonsum die Erkrankung ausgebrochen.
Unterstützt wird diese Vorstellung durch ein früheres
Auftreten psychotischer Symptome bei Drogenkonsumenten im Vergleich
zu Nicht-Konsumenten, einen besseren Gesundheitszustand vor der
Erkrankung, weniger Negativsymptome und eine bessere Prognose
(Schneier 1987, Dixon 1991, Allebeck 1993).
Es werden
aber auch andere Erklärungen angeführt. Nach Arndt (1992)
ist es einfach wahrscheinlicher, daß Patienten in einem
besseren prämorbiden Zustand in ihrer Lebenswelt illegalen
Drogen ausgesetzt werden als Patienten mit zurückgezogener
Persönlichkeit und wenigen Sozialkontakten. Sie würden
wegen der Vertrautheit mit Drogen diese auch leichter nehmen,
um mit aufkommenden psychotischen Symptomen fertig zu werden.
Danach wäre Cannabiskonsum ein Indikator für eine gute
Prognose.
Nach Dixon
et al. (1991) verwendeten ihre Patienten Cannabis zur Angstreduzierung,
als Antideppressivum und zur allgemeinen Aktivierung. Nach der
Selbstmedikationstheorie, die von Schneier et al. (1987) auf der
Basis einer Übersicht über die Verwendung psychoaktiver
Drogen bei Schizophrenie auch für Cannabis begründet
wurde, wäre illegaler Drogenkonsum eine Konsequenz der Schizophrenie
und nicht umgekehrt. Vermutlich ist die Frage, ob die geringere
Rate an Negativsymptomatik - und damit besserem Sozialkontakt
- eine Voraussetzung für den häufigeren Cannabiskonsum
oder durch die Attenuierung der Symptomatik durch die Droge eine
therapeutische Folge des Konsums darstellt, schwer zu klären
(Peralta 1992). Hamera et al. (1995) sahen in ihrer Untersuchung
keine Bestätigung für die Selbstmedikationstheorie,
da die Intensität des Cannabiskonsum nicht parallel mit der
von den Patienten angegebenen Ausprägung der Streßsymptome
verlief. Das wäre aber beim Zutreffen der Theorie allerdings
zu erwarten gewesen.
Häufiger
als in Kontrollgruppen konsumieren Schizophrene neben Cannabis
auch andere illegale Drogen (Psychostimulantien, Halluzinogene)
die verdächtigt werden, die Auslösung einer Schizophrenie
zu begünstigen (Schneier 1987), so daß ein Teil der
Assoziation von Cannabis und Schizophrenie eventuell auf den Konsums
anderer Drogen zurückzuführen wäre. Opiate und
Sedativa werden dagegen vergleichsweise seltener verwendet. Auch
für Psychostimulantien und Halluzionogene wird die Selbstmedikationstheorie
diskutiert. Da verschiedene Drogen unterschiedliche Effekte haben,
könnte die verwendete Droge Auskunft darüber geben,
welches Symptom der Erkrankung oder welche Nebenwirkung der Medikation
den Patienten am meisten stört (Dixon 1991).
Einige Autoren
werfen einen genetischen Aspekt in die Debatte. Varma und Sharma
(1993) fanden bei einer vergleichenden Untersuchung von nahen
Verwandten von Schizophrenen und nahen Verwandten von Kontrollen
bei ersteren eine höhere Rate an psychiatrischen Störungen
(35% versus 9%), darunter schizoid-schizotypische Persönlichkeiten,
paranoide Störungen und "Cannabiskonsum-Störungen"
(3,5% versus 1,4%). Sie vermuten eine biologische Beziehung zwischen
diesen verschiedenen Störungen und zählen sie zum genetischen
Schizophrenie-Spektrum. McGuire et al. (1995) fanden bei Verwandten
von Patienten mit "cannabisassoziierten Psychosen" ein
erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Schizophrenie.
Sowohl die Präzipitierungstheorie als auch die Selbstmedikationstheorie
könnten diese "biologische" Assoziation erklären.
Verschiedene
Autoren weisen daraufhin, daß das häufigste Manifestationsalter
der Schizophrenie (Adoleszenz und junges Erwachsenenalter) sich
mit der Periode decke, in der bei Männern ein erhöhtes
Risiko für den Beginn eines Drogenmißbrauchs bestehe.
Eine höhere Prävalenz eines Cannabiskonsums als in der
Gesamtbevölkerung sei daher zu erwarten. Mathers und Ghodse
(1992) zitieren in diesem Zusammenhang eine medizinisches Sprichwort:
"Häufiges tritt häufig auf, häufiges tritt
häufig zusammen auf."
In einer Studie
von Hambrecht und Häfner (1996) hatten jeweils etwa ein Drittel
der Patienten ihren Drogenkonsum vor, während bzw. nach den
ersten Anzeichen der Erkrankung begonnen. Allebeck et al. (1993)
fanden in ihrem Kollektiv von schizophrenen Patienten dagegen
in 69% der Fälle einen Cannabiskonsum mindestens 1 Jahr vor
Auftreten der ersten Symptome. In diese Studie ging jedoch nur
ein hochselektiertes Patientengut ein, nämlich solche Patienten,
die nicht nur eine Schizophrenie aufwiesen, sondern im Untersuchungszeitraum
auch wegen Cannabisabhängigkeit behandelt worden waren. Eine
behandlungsbedürftige Abhängigkeit von Cannabis ist
allerdings wegen des geringen körperlichen Abhängigkeitspotentials
nur bei ausgeprägter Persönlichkeitsstörung zu
erwarten, die möglicherweise auch das Ausbrechen einer Schizophrenie
beschleunigen könnte.
Die überzeugendsten
Befunde für einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und
einer Beschleunigung der Schizophrenie stammen aus einer großen
epidemiologischen Studie (Andreasson 1987). Die Untersucher werteten
Daten einer langzeitigen prospektiven Studie mit 45.570 Wehrpflichtigen
aus. Sie fanden eine Dosis-Wirkungsbeziehung zwischen der Intensität
des Cannabiskonsums zum Zeitpunkt der Musterung und der Entwicklung
einer Schizophrenie in den folgenden 15 Jahren. 752 der Probanden
waren als starke Cannabiskonsumenten eingestuft worden mit einem
sechsfach erhöhten relativen Risiko für die Entwicklung
einer Schizophrenie. Nach Berücksichtigung weiterer möglicher
Einflußfaktoren in einem hierarchisch log-linearen Modell
blieb ein statistisch Grenzwert signifikanter Einfluß des
Cannabiskonsums bestehen (Relatives Risiko: 2,3; Konfidenzintervall:
1,0-5,3). In diesem Modell hatte den stärksten Einfluß
eine psychiatrische Diagnose (z. B. Neurose) bei der Musterung,
gefolgt von geschiedenen Eltern und Cannabiskonsum.
Die Studie
wurde von verschiedener Seite kritisiert (Johnson 1988, Negrete
1989). Die zeitliche Lücke zwischen festgestelltem Drogenkonsum
bei der Musterung und der Entwicklung einer Schizophrenie innerhalb
der nächsten 15 Jahre sei sehr groß. Cannabisinduzierte
toxische Psychosen hätten als schizophrene Psychosen fehldiagnostiziert
werden können. Die höhere Schizophrenie-Rate bei Cannabiskonsum
sei möglicherweise auf den Konsum anderer illegaler Drogen
zurückzuführen, dies unter anderem vor dem Hintergrund,
daß Amphetamine eine der wichtigsten illegalen Drogen in
Schweden während des Untersuchungszeitraums waren. Andreasson
habe zudem nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß
starker Cannabiskonsum ein Symptom einer beginnenden Schizophrenie
gewesen sein könne und nicht dessen Auslöser.
3.2 Exazerbation
einer Schizophrenie
Es gibt Grund
zur Annahme, daß Cannabiskonsum bei Schizophrenen den Krankheitsverlauf
ungünstig beeinflußt. Cannabis ist eine psychoaktive
Droge, deren Verwendung unter Schizophrenen offenbar weit verbreitet
ist. Es existieren anekdotische Berichte, nach denen Cannabiskonsum
Rezidive verursachen könne und die Anzahl der psychotischen
Episoden vermehre. Es liegen allerdings wenige kontrollierte Studien
vor. Dixon et al. (1991) nehmen an, daß trotz an sich besserer
Prognose für das von ihnen untersuchte drogenkonsumierende
Subkollektiv der tatsächliche Konsum das Therapieergebnis
ungünstig beeinflusse.
In einer kleinen
prospektiven Studie mit 24 cannabiskonsumierenden Schizophrenen
und 69 Nicht-Konsumenten fanden sich in der ersten Gruppe im Verlauf
eines Jahres häufiger Rezidive (Linszen 1994).
Negrete (1986)
führte eine retrospektive Studie mit insgesamt 137 schizophrenen
Patienten durch. Ein Vergleich von drei Subkollektiven (aktive
Konsumenten, ehemalige Konsumenten und keine Konsumenten) zeigte
bei grober Betrachtung bei den aktiven Konsumenten eine vergleichsweise
höhere Rate von Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Krankenhausaufenthalten.
Auch Cleghorn (1991) fand in einer Subpopulation, die mit Neuroleptika
behandelt wurde, eine höhere Rate an Positivsymptomen, insbesondere
Halluzinationen und Wahnvorstellungen, wenn die Patienten gleichzeitig
Drogen, darunter vor allem Cannabis, nahmen.
Peralta und
Cuesta (1992) untersuchten ein Kollektiv von 95 schizophrenen
Patienten unter 35 Jahren. Zwischen einem Subkollektiv von 23
Patienten mit regelmäßigem Cannabiskonsum im vergangenen
Jahr und den übrigen war kein relevanter Unterschied in der
Rate der Positivsymptomatik festzustellen. Cannabiskonsumenten
wiesen allerdings eine geringere Rate an Negativsymptomen auf.
Die Autoren vermuten, daß Cannabis die Negativsymptomatik
verbessere, was die Selbstmedikationstheorie unterstützen
würde.
4 Epidemiologische
Aspekte
Starke psychopathologische
Reaktionen selbst auf einen schweren Cannabiskonsum sind selten.
Prädisponierende
Faktoren für die Entwicklung einer organischen Psychose sind
offenbar die erstmalige Verwendung und der Konsum sehr großer
Mengen. Tennant und Groesbeck (1972) untersuchten 32.000 amerikanische
Soldaten, die 1970 in Deutschland stationiert waren. Nahezu die
Hälfte (46%) hatte einmal Cannabis konsumiert und 16% nahmen
es weiterhin mindestens dreimal in der Woche. Die Untersucher
fanden toxische Reaktionen im allgemeinen erst bei Dosen größer
5 Gramm Haschisch, die innerhalb weniger Stunden genommen worden
waren. Von den 5120 Konsumenten, die weiterhin Cannabis nahmen,
waren über einen Zeitraum von drei Jahren 720 wegen cannabisassozierter
Probleme vom Sanitätspersonal untersucht worden. Trotz der
Tatsache, daß viele Soldaten mehr als 50 Gramm (bis zu 600
Gramm) Haschisch monatlich konsumierten, war nur bei 115 eine
schizophreniforme psychotische Reaktion festgestellt worden. Nur
in drei dieser 115 Fälle war Cannabis die einzige verwendete
illegale Droge gewesen.
Palsson et
al. (1982) schilderten 11 Fälle vermutlich toxischer Psychosen
innerhalb eines Jahres in einer schwedischen Population, die etwa
10.000 Cannabiskonsumenten umfaßt. Chopra und Smith (1974)
berichteten, daß 11% aller Einweisungen in eine indische
Drogenklinik aufgrund von akuten cannabisinduzierten Psychosen
erfolgt seien. Mögliche erklärende Faktoren für
diese starken Unterschiede sind unterschiedliche Konsumniveaus
hinsichtlich der üblichen Mengen, die Art des Konsums (in
Asien werden Cannabisprodukte gern oral als Getränk eingenommen
mit geringerer Kontrolle über die eingenommene Menge als
beim Rauchen und längerer Wirkungsdauer) sowie die Haltung
der diagnostizierenden Ärzte.
In der Studie
von Andreasson et al. (1987) zur Beschleunigung schizophrener
Psychosen trugen die starken Cannabiskonsumenten mit insgesamt
21 Fällen von 752 etwa 8,5 % zur Gesamtzahl der Schizophrenien
im Gesamtkollektiv bei (246 Fälle von 45.570). Die Autoren
weisen daraufhin, daß Cannabis wohl nur einen kleinen Teil
zur Gesamtzahl aller Schizophreniefälle beigetragen habe.
Selbst dieser
geringe Prozentsatz von etwa 10% cannabisinduzierter Schizophrenien
- so denn tatsächlich eine ursächliche Beziehung besteht
-, erscheint nicht sehr plausibel, da die Inzidenz der Schizophrenien
und insbesondere der Early-onset-Schizophrenien offenbar zurückging
als die Prävalenz des Cannabiskonsums unter Jugendlichen
in Westeuropa und Nordamerika deutlich zunahm (Der 1990).
Je jünger
eine Person und je höher der Konsum, desto wahrscheinlicher
ist es, dass sie irgendwann Stimmen hört oder Verfolger sieht.
Die Krankheit lässt sich behandeln. Einfach mehr zu kiffen,
um die Probleme zu verdrängen, ist dagegen die schlechteste
Lösung. Rund ein Drittel bis die Hälfte der Europäer
haben laut Hannelore Ehrenreich die Veranlagung zu einer Schizophrenie.
Bei den meisten breche die Krankheit unter normalen Lebensbedingungen
aber nicht aus, sagt die Forscherin vom Max-Planck-Institut für
experimentelle Medizin in Göttingen.
Konsumieren
sie Cannabis, indem sie Joints rauchen oder Space-Cakes essen,
sieht das hingegen anders aus: Wenn man regelmäßig
Cannabis zu sich nimmt, steigt das Risiko, eine Schizophrenie
zu entwickeln, um den Faktor drei, erklärt Professor
Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie,Psychotherapie
und Nervenheilkunde in Berlin. Das gelte vor allem für junge
Menschen, denn bei ihnen ist das Gehirn noch nicht ausgereift.
Wer Verwandte hat, bei denen eine Psychose oder eine Schizophrenie
festgestellt wurde, der sollte unbedingt die Finger von Cannabis
lassen, sagt Ehrenreich.
Und auch alle
anderen überlegen sich besser gut, ob sie das Risiko eingehen
wollen. Denn obwohl vor allem starke Kiffer gefährdet sind,
kann es auch dumm laufen: Es gibt Leute, die haben mit zwölf
einmal gekifft und hatten dann Verfolgungswahn, sagt Ehrenreich.
Das ist zwar nicht wahrscheinlich aber möglich. In
der Regel konsumieren die Betroffenen schon länger Cannabis,
und oft gibt es frühe Warnzeichen. Die Leute seien schlecht
drauf oder kämen in der Schule kaum noch mit, erklärt
Falkai. Ängstlichkeit und Schlafstörungen kämen
ebenfalls vor, sagt Professor Heinz Häfner vom Zentralinstitut
für seelische Gesundheit in Mannheim. Nur können diese
unspezifischen Beschwerden auch ganz andere Gründe haben
- deshalb suchten die wenigsten einen Arzt auf.rgendwann kommt
es dann zu psychotischen Phasen. Die Betroffenen sehen Dinge,
die nicht existieren, und hören Stimmen, die gar nicht da
sind. Die Kranken stehen irgendwo und fühlen, wie sie
jemand berührt, aber da ist niemand, schildert Ehrenreich.
Die Erfahrung sagt aber: Wenn man eine Berührung fühlt,
muss auch jemand da sein. Deshalb glauben die Leute, dass
der andere unsichtbar ist und Böses plant, sonst würde
er sich ja zeigen. So entwickelten sich Wahnvorstellungen.
Treten diese Wahnvorstellungen über ein halbes Jahr hinweg
auf, kommt es zu Konzentrationsstörungen und zieht
sich die Person zurück, sprechen Ärzte von einer Schizophrenie,
erklärt Ehrenreich. Wenn man irgendwas davon merkt,
sollte man schnellstmöglich zu einem Arzt gehen, rät
Häfner. Und man sollte vor allem sofort mit dem Cannabis-Konsum
aufhören.
Das hört
sich naheliegend an, ist aber längst nicht selbstverständlich.
Viele schizophren Erkrankte litten an einem Gefühl von Leere
und spürten wenig Freude. Wenn sie etwas kiffen, fühlten
sich einige von ihnen erstmal besser. Das Kiffen fördere
aber die Halluzinationen und Wahnvorstellungen.
Nur bei 20
Prozent der Betroffenen bleibe die Schizophrenie eine Episode,
die sich wieder verläuft, sagt Ehrenreich. 80 Prozent hätten
dauerhaft damit zu tun. Über Medikamenten lasse sich die
Krankheit aber gut behandeln, wenn die Betroffenen von Anfang
an zuverlässig mitmachen.
Wer früher
gekifft, schon vor Jahren aber damit aufgehört hat, muss
sich keine Sorgen machen. Es gibt kein schlafendes Risiko,
sagt Falkai. Und wer schon viele Jahre kifft und nie Probleme
mit einer Psychose hatte, der werde sie wahrscheinlich auch nicht
mehr bekommen. Was aber kein Argument dafür ist, immer weiter
zu kiffen - nicht nur, weil der Konsum illegal ist. Regelmäßiger
Cannabiskonsum ist einfach Mist, sagt Falkai. Das
macht das Hirn kaputt.
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